Scheiß Osten!

Jeden Montag erleben wir eine wahre Völkerwanderung. Über die Haupteinfallwege A24, A2, A4 und A9 rollt die gefühlte halbe arbeitsfähige Ostbevölkerung gen Westen. Ich sehe die Zustände auf der A4 und versuche hochzurechnen, wann die Maler, Fliesenleger und Monteure aus Chemnitz, Dresden oder Cottbus aufgestanden sind, um pünktlich zur Arbeit zu erscheinen. 1 Uhr, 3 Uhr, 5 Uhr, dann 5 Stunden Fahrt, hoffentlich wechseln sich die Fahrer ab. Festangestellte und Leiharbeiter, letztere können sich nicht mal einen Imbiß leisten.

Ein Hundefänger aus Thüringen hat eine lustige Aufschrift: „Aufbau West – Thüringen hilft!“ Hm … ja, wo wird denn eigentlich aufgebaut? Wer baut auf? Wer verdient, wer zahlt drauf? Im Osten hat man vielerorts den Eindruck, daß mehr abgerissen als aufgebaut wird, wobei den Abriß nicht unbedingt immer eine Firma, sondern oft genug die Witterung übernimmt. Zumindest bei alten Fabrikgebäuden. Die Treuhand und vor allem deren Liegenschaftsgesellschaft haben da ganze Arbeit geleistet.

Andere Häuser werden mangels natürlicher Alterung dann doch von Firmen entsorgt, die Plattenbauten. Werden nicht mehr gebraucht, Bevölkerungsrückgang, heißt es. Sollte man nicht von Flucht sprechen? Meist ist es eine Flucht aus der Gegend, nicht aus der Wohnung. Im West-Plattenbau lebte es sich mit 3000 Euro Brutto auch ganz gut.

In den Strom der Arbeitwilligen mischt sich ein seit der „Wende“ stetig größer werdender Anteil von Ex-Ossis, die inzwischen im Westen leben und gerade nur zu Besuch am Wochenende im Osten waren. Größenordnung 1 1/2 Millionen Menschen sind inzwischen geflüchtet. 1 1/2 Millionen Menschen in der Blüte ihres (Arbeits-)Lebens, Konsumenten, Steuerzahler, Beitragszahler.

Im Osten fehlen sie nun, diese Konsumenten, Steuerzahler, Beitragszahler. Da wird regelmäßig 21% weniger verdient als im Westen, teilweise über 40% weniger. Das Einkommen reicht im Durchschnitt zum Überleben, zu einigermaßen ordentlicher Ernährung, Dach überm Kopf, ein schlichteres Auto und vielleicht auch noch Urlaub sind auch noch drin. Durchschnittlich.

20 Jahre nach dem Anschluß der ostdeutschen Bundesländer an die Bundesrepublik wachsen die Unterschiede wieder. Einkommensunterschiede sind mittlerweile zu einem Auslöser weiterer Unterschiede geworden. Fast von allem gibt es im Osten deutlich weniger, weniger Umsatz, weniger Kunden, weniger Läden, weniger Kultur, weniger Sport. Weniger Lebensinhalte. Und immer weniger Bevölkerung.

Und nach wie vor gibt es keine erfolgversprechenden Maßnahmen gegen diese Entwicklung. Der Markt hat es nicht geregelt und kann es nicht regeln, nein, er arbeitet nach wie vor an diesem wachsenden Ungleichgewicht. Welcher ostdeutsche Unternehmer hat die Weitsicht, das Verständnis und die Güte, seinen Angestellten freiwillig Lohn nach Westmaßstäben zu zahlen, um die Nachfrage, den Umsatz, die Gewinne, das Beitrags- und Steueraufkommen auf eben dieses Westniveau zu heben? Einer, zwei, oder dann doch keiner? Lieber werden die höheren Gewinne mitgenommen. Nach dem Komplettversagen der Gewerkschaften in Ostdeutschland bleibt tatsächlich nur der Staat, die Verordnung, das Gesetz. Bei den derzeitigen Machtverhältnissen eine Illusion.

Eine Einkommensangleichung und damit höhere Löhne im Osten werden derzeit gern mit dem Argument abgebügelt, diese würde Arbeitsplätze kosten. Wenn es so wäre, müßte ja in den Hochlohnzentren gerade im Süden Deutschlands die Arbeitslosigkeit grassieren, im Osten und allgemein in schwachen Gegenden Vollbeschäftigung herrschen. Ist es denn so? Und warum wird selbst bei HartzIV zwischen Ost und West unterschieden? Warum wird selbst in der Diskussion um den Mindestlohn in Nebensätzen ein geringerer Mindestlohn im Osten erwähnt? Könnte es sein, daß mit der deutschen „Wiedervereinigung“ dem Osten von vornherein nur der Status eines Niedriglohn – Rekrutierungsgebietes für die west- oder gesamtdeutsche Wirtschaft zuerkannt wurde, entsprechender Leidensdruck inklusive? Das mit den „blühenden Landschaften“ im Osten war im besten Fall ein Ausdruck von Unwissenheit. Ansonsten von vornherein eine glatte Lüge. Danke, Herr Kohl.

Und so bleibt es dabei: Die Cleveren gingen und gehen in den Westen, zurück bleiben die Doofen. Die Doofen, die lieber Woche für Woche zwischen Arbeit und Wohnung hin und her fahren, die mit deutlich weniger Geld für gleiche Arbeit zufrieden sind, die sich als Kunde zweiter Klasse wohlfühlen und sich gern eine geringere Bonität bescheinigen lassen als ihre westdeutschen Mitbürger. Und da ich ja hier als „Rennrad-Opa“ auftrete (und hoffentlich bald zu diesem Thema schreiben kann), in diversen Radsportzeitschriften findet der Osten praktisch gar nicht statt, weder bei Rennen, noch bei Treffs zur gemeinsamen Ausfahrt oder bei den Inseraten. Von der tatsächlichen Rennrad – Infrastruktur im Osten will ich gar nicht weiter reden. Man hat hier andere Sorgen.

Morgen früh geht die Flucht weiter. Nur weg aus diesem Scheiß Osten!

Über rennradopa

Ein Opa mit einem Rennrad. Hier wird selbst gedacht und selbst gemacht.
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