Neuseen Classics

Am Pfingstsonntag war es wieder soweit, es standen die Neuseen Classics in Zwenkau an. Früher nannte sich das Rennen „Rund um die Braunkohle“, aber aus dem ehemaligen Abbaugebiet südlich von Leipzig ist eine schöne Landschaft und ein Naherholungsgebiet geworden, die Tagebau-Löcher wurden und werden zu Seen mit touristischer Infrastruktur umgestaltet. Für Fahrradfahrer aller Altersklassen und deren unterschiedliche Bedürfnisse ist das das gesamte Gebiet sehr gut erschlossen, einzig Kletterkünstler kommen etwas zu kurz. Aber die Gegend ist die Leipziger Tiefebene und nicht das Leipziger Hochland.

Ein flacher Kurs ist für mich erste Wahl, und immerhin hatte ich hier 2009 mein erstes Radrennen als Zuschauer erlebt. Deswegen habe ich vor einem Jahr hier mein erstes Radrennen bestritten, Pfingstsonntag 2011 nun mein insgesamt drittes. Es war jeweils die mittlere Distanz bei den Jedermännern, 2010 waren es 86km, dieses Jahr nur 71km. Schöne Strecken, die aus dem verwendeten Sportgerät wirklich ein RENNRAD machen.

Letztes Jahr bin ich im Startblock C gestartet, da ich bei der Anmeldung meine Durchschnittsgeschwindigkeit zwischen 30 und 35km/h vermutete (was sich dann auch bestätigte). Dieses Jahr dagegen bin ich im Startblock A gelandet, ganz vorn, bei den Schnellen, Langgedienten, Verdienten, mit bestem Equipment Startenden. Viel Carbon, viele Clincher, aber auch viel große Fresse, einige waren da fehl am Platz (und hinterher wohl auch weit hinter mir). Im Vorjahr im Startblock C war die solide Alu-Klasse vorherrschend, rein körperlich auch die Kugelklasse, die Bierbauchfraktion.

Und los gings, mit größter Vorsicht und dennoch recht zackig, damit das Startgedränge nicht in sinnlose Stürze mündet. Dann im ersten Rennen die erste Überraschung: Auf gerader und maximal leicht welliger Strecke (also erstmal bis Markkleeberg) kann man ja im Peloton mit relativ geringem Kraftaufwand über 40km/h fahren, offensichtlich auch über noch längere Zeit! Und im dritten Rennen meiner Karriere ein Jahr später kam eine weitere Überraschung dazu: Die Spitzengruppe fährt ja unter gleichen Bedingungen deutlich über 50km/h! Irgendwie ging es erstmal, das Peloton hat mich irgendwie mitgesaugt und ich hatte mich in diesem Jahr ja auch weiterentwickelt. Aber es wurde nicht konstant so schnell gefahren, es gab etliche kribblige Situationen, in denen das Feld bis auf 20 oder gar 10km/h abbremsen mußte, und dann wurde wieder extrem hart auf die über 50km/h beschleunigt. Vielleicht 10 Mal bis Markkleeberg, das war für mich schon viel mehr als nur eine kleine Vorbelastung. Mittendrin hatte ich bemerkt, wie sich eine Gruppe von Fahrern vom Team „Ur-Krostitzer“ rund um Uwe Raab am Feld vorbeischob. Nein, nicht schob, wie sie an uns vorbeiflogen, am Feld, welches mit über 50km/h ja nun nicht stillstand. Es wirkte nur so.

In Markkleeberg war ich eigentlich schon blau. Wenigstens hatte ich noch die Straßenbahnschienen bemerkt und richtig genommen. Es wurde einen Hauch ruhiger, am Uferrundweg und an der Brücke über die A38 war ich fast wieder ein wenig erholt. Fast. Ich war schon nicht mehr in der Spitzengruppe, sondern mindestens eine Gruppe dahinter, man fuhr knapp über 40 und ich konnte das gerade noch so mithalten. Es wurde immer härter, immer wieder verlor ich – nicht nur ich, andere auch – den Anschluß, und mit riesiger Kraftanstrengung kam ich irgendwie immer wieder ran. Bis zum Ortsausgang von Dreiskau-Muckern, da war dann plötzlich Schluß. Ich konnte richtig sehen, wie der Abstand größer wurde, ich kämpfte wie ein Löwe, aber die Kraft war so richtig weg. Da war noch ein Fahrer von einem Diakonie-Team, der meinte nur noch: „Die sind weg.“

Da haben wir erstmal zu zweit weitergemacht, aber da waren es keine 40km/h mehr, sondern maximal 35, bei kleinsten Anstiegen viel weniger. Ca 5km zu zweit, ab und zu einzelne Fahrer, die uns auch nicht mehr folgen konnten oder wollten.

Bei Oelzschau kam plötzlich eine recht flotte Truppe von hinten. Die Chance auf endlich wieder 40km/h … Das ging vielleicht 5 Minuten gut, da konnte ich wieder nicht folgen. Was denn nun, werde ich nach hinten durchgereicht? Es fuhren noch zwei weitere Grüppchen an mir vorbei, deren Tempo ich ebenfalls nicht halten konnte. Und endlich – vielleicht zu spät – reifte in mir eine wichtige Erkenntnis: Warum muß ich mich in der Alleinfahrt quälen, wo doch so nach und nach immer wieder einzelne Gruppen von hinten kommen?

Ich weiß nicht mehr wo genau, da waren ein paar Abfahrten, die ich einfach so herunter rollte, wo ich durchatmete, einen größeren Schluck aus der Pulle nahm, mich erholte. Nach meinem Herzfrequenzmesser konnte ich mich seit dem Start nicht mehr richten, er ging falsch. Oder sollte ich mit 108er Puls bis hier her gekommen sein? Nein, er zeigt entweder 108 oder 120 an, ich war aber deutlich höher. Bei dieser Abfahrt regenerierte ich jedenfalls, vielleicht war auch das Kohlenhydrat-Gel endlich im Blut angekommen. Ganz kurz hegte ich den Gedanken, ab nun wie bei einer Trainingsfahrt relativ gemütlich ins Ziel zu fahren. Bis die nächste Gruppe kam.

Die hatten ein recht zügiges, aber relativ gleichmäßiges Tempo drauf. Die haben auch nach Kurven nicht so viel Druck gemacht, da konnte ich mitfahren. Und schon ging es wieder, meist über 40km/h gefahren und trotzdem nicht tot gemacht. Als die Gruppe vielleicht 20km vor dem Ziel zu zerspringen drohte hab ich sogar des hinteren Teil der Gruppe wieder heranführen können. Ja, wäre ich doch von Anfang an in einer solchen Gruppe gefahren …

So fuhren wir Richtung Ziel, und ich bemerkte mit Freude, daß wir wesentliche Streckenabschnitte mit über 40km/h fuhren. Gut für den Schnitt. Ab und zu schien die Führungsfrage etwas ungeklärt, da waren es nur noch 35, aber das war nur kurz und wir kamen dann auch schnell wieder in Fahrt. Dann erschien „Zwenkau“ auch immer öfter in den Straßenschildern, „9km“ sind doch ein Lichtblick, den jeder mit ein paar km/h mehr fröhlich erwiderte. So kamen wir mit recht straffer Geschwindigkeit in Zwenkau an, rein ins Gewerbegebiet, alles etwas zu eng für irgendwelche Spurtversuche (für die ich mich plötzlich in der Lage fühlte) und dann waren wir auch endlich im Ziel. FERTIG!

Nach dem Ausrollen ein erster Blick auf den Tacho, Durchschnittsgeschwindigkeit 36,4km/h! In Anbetracht meiner Zeitfahrversuche vielleicht gar nicht so schlecht, aber dann wollte ich auch erstmal die offiziellen Zahlen abwarten (die dann noch etwas besser waren).

Ich muß anmerken, daß ich an den Tagen zuvor einen leichten Infekt hatte, Nase zu, Husten, da hat sich der Formaufbau wohl etwas schlechter vollzogen als geplant. Wobei es wohl nicht viel mehr gebracht hätte, vielleicht hätte ich der Spitzengruppe 2km weiter folgen können, mehr aber auch nicht. Viel mehr ärgert mich, daß ich nach dem Abreissen zur Spitzengruppe nicht ganz locker gefahren bin, um mich gleich richtig für die nächste Gruppe zu erholen. Letztlich waren meine Zeitfahreinlagen total überflüssig und haben mich sehr viel Kraft gekostet. Vielleicht wäre auch ein Start im Startblock B besser gewesen, das erste Stück bis Markkleeberg vielleicht um die 45km/h und dafür nicht ganz so fertig, wenn durch das Seenland gekurvt wird. Immerhin weiß ich jetzt, wie die Spitzengruppe fährt, und ich weiß, wie weit mein Weg bis dahin noch ist.

Wäre, hätte, könnte, vielleicht – ich werde mir das Ganze bestimmt noch oft durch den Kopf gehen lassen und für nächstes Jahr taktisch besser sein. Körperlich sowieso.

Zahlen: 71 km, 1:56,23 h, Schnitt 36,51 km/h, Platz 138 von 297 in AK Masters2, gesamt Platz 434 von 943 Teilnehmern.

Über rennradopa

Ein Opa mit einem Rennrad. Hier wird selbst gedacht und selbst gemacht.
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2 Antworten zu Neuseen Classics

  1. Marko Friedrich schreibt:

    Hallo!

    Schön geschrieben! Die Gruppe die dich in oelzschau geholt hat war der Hallzig Express! Da war ich mit dabei!

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  2. Velolars schreibt:

    Hey Jan,

    schöner Bericht! Schade, dass wir uns nicht mal auf ein Bier getroffen haben. Naja, vielleicht nächstes Jahr 😉 Oder du kommst mal bei einer Hallzig-Express-Ausfahrt mit? Die nächste steht am 02.07. an. Evtl. hast du ja Lust drauf?

    VG Lars

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