Armstrong, der Radsport und ich

Lance Armstrong hat gestanden. Nicht vor einer Kommission, nicht vor Ermittlungsbehörden, nein, vor einer Talkshow-Moderatorin. Oprah Winfrey hat ihm ein paar Fragen gestellt, die er mal mit JA und mal mit NEIN beantwortet hat. Sie hat ihm das Geständnis in den Mund gelegt, er hat bestätigt, was er noch Monate zuvor vehement bestritten, wofür er andere heftig angegriffen hatte.

Aber er ist nichts Neues gesagt. Das alles hat ihm die USADA schon längst vorgelegt, das wußten Insider seit Jahren, die Öffentlichkeit seit Monaten, die ewigen Besserwisser sowieso von Anfang an. Es gibt da so viele andere Fragen. Kein Doper kann seine Aktivitäten vor Teamkollegen und Betreuern auf Dauer verbergen, es muß mindestens stillschweigende Mitwisser geben, höchstwahrscheinlich jedoch Unterstützer, Förderer, vielleicht auch Forderer, medizinische Fachkräfte, Dealer, es muß ganz einfach einen gewissen logistischen Hintergrund geben, um ein derart systematisches Doping durchzuführen. Und genau da hätten wir gern Namen gehört. Und? Nichts!

Armstrong hat es zweifellos übertrieben, aber es gab und gibt genug andere, die ebenfalls betrügen. Die Mehrzahl der Tour-de-France-Erstplazierten ist überführt, entweder zur jeweiligen Tour oder davor gedopt zu haben. Fast jeder der Spitzenfahrer hat irgendwie „Dreck am Stecken“, vielleicht ein Grund, warum ich mir so gut wie jedes Rennen, aber niemals die Siegerehrung anschaue. Trau keinem vor dem Öffnen der B-Probe, würde ich da sagen.

Und es ändert sich nichts! Da tummeln sich in den Gremien der UCI Leute, denen das ganze Doping – Gemauschel in den Teams niemals entgangen sein kann, machen mit wichtiger Miene eine Pressekonferenz über den bösen Lance und denken, sie können einfach so weitermachen. Eine ganze Sportart ist im Spitzen – sprich: Vorbild- Bereich hochgradig kontaminiert und dann einfach weiter so? Was, wenn man aus dem olympischen Programm rausfliegt, wenn das Fernsehen sich komplett abwendet, Sponsoren sowieso?

Dann geht es ja weiter. Wenn Eltern wegen den pausenlosen Dopingmeldungen ihren Sprößlingen jede Berührung mit dem Radsport verwehren, was will man denen sagen? Wenn die Tour de France ansteht heißt es nur noch „Tour de Dope, hahaha“, meine „Trainingsbibel für Radsportler“ liegt da und es kommt ein „wo sind denn da die Seiten mit dem Doping?“ Eine so schöne Sportart und ein derart schlechter Ruf, ein Dankeschön an die Verantwortlichen!

Ich könnte mich ja zurücklehnen. Ich betreibe Radsport seit 3 Jahren, die Phase, als so gut wie alle gedopt waren und danach die große Geständnis- und Rücktrittswelle saubere Verhältnisse suggerierte habe ich als Außenstehender wahrgenommen, außerdem bewege ich mich (noch) in Bereichen der leistungsorientierten Fitness und eben längst nicht in den Spitzenbereichen. Es bräuchte kein Thema für mich sein. Mir geht es um den Spaß, die Freude, meine körperliche Leistungsfähigkeit auch mit 50 Lebensjahren noch zu steigern und das ganze in einigen Jedermannrennen in absoluten Zeiten und relativen Plazierungen für mich selbst nachzuweisen. Dazu werde ich mich auch nicht selbst betrügen, Doping fällt für mich aus.

Aber es gibt eben in jeder Sportart einen gewissen Kreis an Spitzenleuten, Vorbildern, Idolen. Da möchte ich im Radsport Helden sehen, Kämpfer, exzellente Techniker, Arbeiter, die mit 60km/h das Tempo für das Feld machen, entfesselte Sprinter, Kletterkönige, Ausreißer. Nur eines nicht: Betrüger.

Und eines wollen wir mal nicht vergessen: Tausende Rennradler (ich kenne die Zahlen nicht) bezahlen die ganze Show. Wir, die zahlenden Kunden bei Rad-, Bekleidungs-, Isogrtränke- und Zubehörherstellern, Kunden der Sponsoren, Werbung ertragende Fernsehzuschauer und nicht zuletzt Startgebühren bezahlende Jedermänner, wir halten die Show am Leben! Und jetzt mal was auf deutsch: Wir wollen uns nicht verarschen lassen!

Ich denke, WIR RADSPORTLER wollen und brauchen einen Neuanfang, und der sollte genau da beginnen, wo es am meisten stinkt: In der Spitze. Restlose Aufklärung inklusive und nicht ein moralisch reingewaschener Lance Armstrong und eine unangetastete UCI.

Über rennradopa

Ein Opa mit einem Rennrad. Hier wird selbst gedacht und selbst gemacht.
Dieser Beitrag wurde unter Sport abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Armstrong, der Radsport und ich

  1. Wenn ich manchmal, meist im Sommer, mit meinem Rennrad über die Pässe fahre, über all die vollgeschriebenen Passstrassen mit all den berühmten Namen, denke ich immer wieder daran, wie versaut unser schöner Sport doch ist. Aber die Schuld einfach den Radfahrern in die Schuhe zu schieben ist mir zu einfach. Ich glaube, das ganze Gebilde, mit dem ganzen Leistungsdruck, den ganzen Ausscheidungsverfahren, den ganzen Sponsorengeldern von all den Firmen und nicht zuletzt auch vom Fernsehen selber, das wird für den einzelnen Fahrer im Feld kaum zum Aushalten sein. Wahrscheinlich ist es so, dass wer nicht mitmacht, rausfliegt, Es hat leider immer noch genug Nachwuchs, der nachrutscht. Vielleicht sogar in der Absicht, der erste zu sein, den Druck aushalten zu können, und dann doch irgendwann mal in diesem Sumpf hängen bleibt. Vermutlich ist einfach viel zu viel Geld im Spiel.

    So gesehen ist es vielleicht tatsächlich besser, mal ein paar Jahre lang die TDF, Giro d’Italia, Vuelta und Co nur mit Nachwuchsfahrern zu fahren, auf vernünftig langen Strecken, mit vernünftig vielen Höhenmetern, und mit Zeitvorgaben die sich der Sport selber macht und nicht vom Fernsehen diktiert wird. Das ganze halt nicht so spektakulär und vielleicht auch ohne das andauernde Geknatter der Helikopter. Das müssen dann noch immer nicht Genussfahrten sein, sondern dürfen immer noch Herausforderungen sein, aber alles auf einem vernünftigen Niveau. Ach ja, und natürlich begleitet von vernünftig denkenden und handelnden Sportärzten und anderen Begleitpersonen.

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.