Rauchen, Saufen, Fressen

Am letzten Wochenende hatte es sich ergeben, daß mir mal wieder ein paar Fotos aus früheren Tagen in die Hände fielen. Schwarz-weiß, also zeitlich knapp vor der „Wende“, zeigten sie mich als relativ schlanken jungen Mann.

Die Fotos zeigten aber auch etwas anderes: Auf dem Tisch stand ein übervoller Aschenbecher und eine Bierflasche. Was die Fotos nicht zeigten: Zu dieser Zeit und auch in den darauffolgenden 15-20 Jahren habe ich nicht nur gegessen, sondern gefressen. Keine Portion konnte groß genug sein, und immer ein oder doch lieber 2 große Stücke Fleisch obendrauf. Mein Weg von 80kg bis zu letztendlich einmal 107kg Lebendgewicht. Um meinen Bierkonsum mal zu beziffern: 2-3 0,5l-Flaschen täglich. 1 bin 1,5 Liter, jeden Tag. Zigaretten: Eine Schachtel pro Tag, mindestens.

Was tun, um nicht 22 Jahre später als alter Klugscheißer dazustehen? Immerhin ist es keine Frage, daß da in meinem Leben so einiges falsch gelaufen ist. Aber warnende Hinweise hätte ich damals auch nicht ernst genommen. Warum auch, ich war gesund und zehrte noch ein wenig von meiner sportlichen Jugend.

Vorleben und dezent anklopfen, wo es möglicherweise gehört wird, das scheint der einzige Weg zu sein, gerade jüngere von derartigen Fehlentwicklungen abzuhalten. Also klopfe ich mal an:

Rauchen

Ich mag jetzt gar nicht auf die 70 krebserregenden Inhaltsstoffe des Zigarettenrauchs eingehen. Die kennt fast jeder Raucher, ohne daß es Einfluß auf den Zigarettenkonsum haben würde. Suchtbeschleuniger, Kohlenmonoxid, ja, ich weiß, bla bla bla.

Was aber jeder Nichtraucher (und auch Raucher) weiß: Raucher stinken. Da kommen die Raucher in die Straßenbahn rein, nachdem sie in einer halben Minute eine Zigarette turboinhaliert haben, und im Umkreis von 2 Metern hält man es als Nichtraucher mit funktionierendem Riechorgan kaum aus. Die letzten Zuhause-in-der-Wohnung-Raucher erkennt man auch sehr schnell am Geruch, um nicht zu sagen am Gestank. Und ihre Wohnung gleich mit, da können sie lüften wie sie wollen. Immerhin haben auch die meisten Raucher wenigstens das so langsam erkannt.

Über den Gestank könnte man noch seine Witze machen, über andere Begleiterscheinungen des Rauchens nicht. Wenn man sich denn nach einem halben Raucherleben doch zum Nichtrauchen entschließt, kann das üble Folgen auf die Gedächtnisleistung haben. Zum Beispiel kann sich eine gewisse Demenz einstellen. Es ist NICHT LUSTIG, wenn man die Namen langjähriger Bekannter oder Arbeitskollegen einfach so vergißt, wenn man kurz vor einer geplanten Begegnung noch mal schnell durch die Kontaktliste des Smartphones durchblättert „ja wie hieß der denn eigentlich?“. Oder wenn man sich einfachste Dinge nicht sicher merken kann und eben dieses Smartphone als Erinnerungswerkzeug für jeden noch so unbedeutenden Scheiß nutzen muß. (Es scheint sich so nach und nach zu geben…)

Nach meinen gefühlt 100 Entwöhnungsversuchen kann ich nur sagen: Fangt gar nicht erst an. Ab und zu mal lächelnd NEIN zu sagen ist ungleich einfacher als eine ausgewachsene Suchtbekämpfung.

Saufen

Wo das Gläschen Bier pro Tag schon als Einstieg in die Alkoholsucht gilt, da ist man mit über einem Liter täglich längst mitten drin. Und es darf ja zu „Anlässen“ gern mal ein Gläschen mehr sein. Wahlweise entweder bis ins Koma oder bis zum Kotzen.

Ich hab nie besonders viel vertragen und mich deshalb immer für Letzteres entschieden. Nicht oft, die 2-3 Flaschen Bier pro Tag jedoch waren Standardprogramm. Macht 420 bis 630 kCal extra. Jeden Tag. (Cola etwas mehr, keine Alternative!) Das Ganze zusammen mit viel Essen und wenig Bewegung.

Ohne großartiges Entwöhnungsprogramm bin ich inzwischen auf die weitestgehend alkoholfreie Woche und hin und wieder lecker Gläschen am Wochenende umgestiegen. Okay, manchmal auch noch eins … In der Woche ist es eher nach dem Training eine Flasche Erdinger alkoholfrei, welches innerhalb weniger Minuten in mir verdampft (gefühlt!). Das meiste Wasser nehme ich inzwischen in Form von mehr oder weniger kohlensäurehaltigem Mineralwasser zu mir, und ich hoffe, daß man das demnächst auch mal sieht …

Fressen

Es hat ja nichts mehr mit normalem Essen zu tun, wenn man sich grundsätzlich einen zweiten oder dritten Nachschlag auf den Teller baggert, natürlich inklusive zweitem oder drittem Steak, Schnitzel, Kotelett. Deswegen die Wortwahl: Fressen.

In meiner kurzen Zeit als Leistungssportler habe ich mir das große Fressen angewöhnt. Damals war es richtig, ca 9-10x Training pro Woche fordern viel Energie. Aber schon in der Zeit des Abtrainierens hätte damit Schluß sein müssen. In der bewegungsarmen Zeit nach der Schule war es dann endgültig zuviel, was ich da jeden Tag in mich hinein stopfte.

Aber es war ja nicht nur die Menge. Es gab Zeiten, da befand ich mich samt Familie so ziemlich am unteren Ende der sozialen Skala. Zusammen mit wenig Bedenken gegenüber „billigsten“ Lebensmitteln rutschte ich in heute recht übel anmutende Eßgewohnheiten. Hauptsache viel. Ein viel zu hoher Anteil von billigem Schweinefleisch und dazu das „Lieblingstier: halbes Hähnchen“ ließen mich mächtig in die Breite (genauer: nach vorn) wachsen und so nebenbei haarsträubende Blutwerte entstehen. Dann wohnten wir eine Zeitlang direkt vor dem (mutmaßlich) besten Dönerstand Berlins, und die Versuchung war Tag für Tag gegeben, einfach schnell anstelle eines „normalen“ Abendbrotes ein paar Döner für die ganze Familie zu holen. Für mich gern XL oder auch mal 2 Normale, das ganze – klar doch, siehe oben – mit ein paar Bierchen runtergespült. Und der Bauch wurde dicker und dicker.

No Sports!?

Damals vor ca 20-25 Jahren und auch in jeder Zeit zwischendurch wäre es immer möglich gewesen, wenigstens etwas Sport zu treiben. Einmal oder vielleicht dreimal pro Woche ein Läufchen – die Zeit hätte ich immer gehabt. Und ich habe in der ganzen Zeit bestimmt dreimal daran gedacht, mich zu bewegen. Bestimmt dreimal. Jedes Mal mit Ansätzen von Anfängen von Veränderungen für einem sportlichen Neubeginn …

Und so wuchs ich zu einem Schlachtgewicht von (einmal kurzzeitig) 107kg heran, jahrelang war ich sicher über 100kg schwer – nicht gewogen in dieser Zeit. Mehr als 3 Etagen per Treppe zu überwinden war Schwerstarbeit für mich, die Erholung nach einem Sprint zu einem öffentlichen Verkehrsmittel (was immer noch ging!) dauert mindestens eine halbe Stunde. Zwischendurch eine Lungenembolie, die zwar durch andere Faktoren ausgelöst, durch ungünstige Körperwerte aber bestimmt stark begünstigt wurde – die Frage wurde immer drängender, ob und wann ich nun endlich mal was gegen diesen Raubbau am eigenen Körper tun würde.

Umschwung

Irgendwann war ich dann doch schlau und vor allem konsequent genug, um aus dieser  Lebenshaltung rauszukommen. Ich muß nicht alles wiederholen, was hier im Blog schon geschrieben steht, nur soviel: Es ging und geht Schritt für Schritt. Erst kam die Bewegung (Fahrrad), dann kam das Rennrad und die Frage, ob man als Teilnehmer von Radrennen wirklich noch rauchen muß. Dann so nach und nach die Reduzierung der Alkoholmengen und seit einiger Zeit auch des Fleischkonsums. In Zukunft wird es  in Richtung Fleischverzicht gehen, den ich immer weniger als Verzicht sehe. Für diese Erkenntnis brauchte ich auch nicht irgendwelche Fleischreste in der Lasagne, da reichen mir dokumentierte Zustände in Mastbetrieben völlig aus.

Und nun? Wie schon angedeutet, ich möchte jetzt um Gottes Willen nicht als der alte Klugscheißer dastehen. Deswegen würde es mir völlig ausreichen, wenn Du wenigstens ab und zu über Deine Lebensweise nachdenkst.

Über rennradopa

Ein Opa mit einem Rennrad. Hier wird selbst gedacht und selbst gemacht.
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4 Antworten zu Rauchen, Saufen, Fressen

  1. Ralph Gerlach schreibt:

    Hört sich ja fast so an wie mein Leben.

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  2. Markus schreibt:

    Beim Thema Fleisch kann ich dir nur Mut machen: esse schon seit rund 18 Jahren kein Fleisch mehr und mehr fehlt nix und schwer ist es auch nicht 🙂 Ansonsten gute und ehrliche Selbstreflexion. Muss man immer wieder tun und jeder hat irgendwo seine Schwäche. Ich kann z.Bsp. gut ohne Alk, aber wenn ich eins trink trink ich meist noch ein oder zwei. Nicht bist zum kotzen und voll sein (ich glaub das letzte mal muss das in meiner frühen Jugend gewesen sein). Trotzdem ärgert mich das da es schwierig ist nach einem Bier zu stoppen.

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  3. velolars schreibt:

    Schöner Artikel! Das mit der Lungenembolie kenne ich, meine Freundin hatte letztes Jahr eine. Wirklich böse Sache. Was du beim rauchen noch vergessen hast: die Verkalkung der Arterien geht nicht wieder weg, auch wenn man mit dem rauchen aufhört. Damit muss man dann leben. Ich zum Beispiel 😉

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  4. Gabi Mann schreibt:

    Das kommt mir alles sehr bekannt vor. Wichtig ist aber, dass es aber doch irgendwann im Kopf Klick gemacht hat und der erste Schritt in die richtige Richtung möglich war.

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