Meine Cyclassics 2013

Am 25. August 2013 fuhr ich in Hamburg mal wieder meine 102,6 Kilometer, zusammen mit über 20000 anderen Verrückten. Die Bedingungen waren mal wieder optimal, mein Trainingsloch in Februar – März schien überwunden, Anreise einen Tag früher als sonst wegen allgemeiner Ruhe, nicht gehetzter Akkreditierung, Messe mit noch verfügbarem Warensortiment, kleiner Einroll- und Vorbelastungsrunde und genügend Schlaf. Konnte da noch was schiefgehen?

Ich hatte eine Zahl vor Augen: 40. Es ging um 40 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit im Rennen, was nach einer Vorjahresleistung von 38,38 km/h im Rahmen des Möglichen schien. Dazu gefühlt besser in Form als in 2012. Und nicht geträumt, es war und ist mir schon klar, daß man dafür in der Ebene um die 45 km/h bei nicht allzu hohem Puls fahren muß, daß man kleine Anstiege mit wenigstens 35-40 km/h wegdrücken können muß, daß man auch insgesamt ca 5-10 Kilometer in diesem Geschwindigkeitsbereich führen können muß (man will ja nicht als Lutscher dastehen). War und ist mir alles klar.

Aber der Reihe nach. Dieses Jahr fuhren wir im Polo nach Hamburg, das war dann schon eine Spur gemütlicher als noch letztes Jahr im Fox. Und es ging mit nur wenig Stau. Eine knappe Stunde Stop&Go, was ist das schon? Immerhin waren wir zur Abendbrotzeit in Soltau Süd, also wie gehabt hin zu „Miss Pepper“ und amerikanisch zu Abend gegessen. Man kann es sich – auch und gerade vom Gewicht her – leisten …

Weiter nach Hamburg, NH-Hotel in der Schäferkampstraße. Wie letztes Jahr, nicht gerade billig, aber drinnen alles top und so ungefähr die richtige Entfernung zum Startbereich der Cyclassics. Gute Nacht.

Samstag morgen erst zum Frühstück in den Schanzenstern. Gute Tradition, nachdem wir dort vor 4 Jahren übernachtet hatten. Weiter Richtung Gänsemarkt zur Akkreditierung, ach wie schön, ohne Schlangestehen. Die Cyclassics – Kollektion traf dieses Jahr nicht meinen Geschmack. Schade, wollte ich mir holen. Dafür wurde ich dann auf der Messe fündig, Hose und Trikot von Löffler für einen Hunderter, und das zu Zeiten, wo es Trikots für über 170€ gibt.

Allzu lange sind wir dann aber doch nicht durch Hamburg gelaufen, um nicht zu pflastermüde zu werden. Lieber noch ’ne Runde mit dem Rennrad drehen, nach einem Hinweis von Erich von Allmen in letzter Minute eine Runde mit ein paar ordentlichen Sprints, aber insgesamt nicht allzu lange. Kleines Problem: Die Straßen waren mit Autos zugestellt (die ab und zu auch etwas fuhren), die Radwege sind selbst für „normales“ Radfahren schlicht unbrauchbar. So sehr sich Hamburg für die Cyclassics ins Zeug legt, die Straßen sind zu 100% für automobilen Individualverkehr ausgelegt. Radverkehr wird auf oft genug überfüllte Fußwege verbannt. Sorry, Hamburg, das ist das Allerletzte!

Das Rennen

5:45 Uhr klingelte der Wecker, kurze Zeit später Frühstück, zu großen Teilen aus der Müsli- und Honigbrötchen – Fraktion. Und Kaffee. Anziehen, auf geht’s!

Startblock H ist ganz schön weit vorn, besser als J und K in den Jahren davor. Die Fleischklopse unter den Rennfahrern war kaum noch vertreten und ich selbst war einer von den Dicken. In meiner unmittelbaren Umgebung war ich mit meinem Crosser der Exot, und auch mit Alu war ich einer von sehr wenigen. Aber egal, ich fühlte mich gut trainiert, ich fühlte mich ausgeruht, ich fühlte mich in diesem Startblock gut aufgehoben für mein Vorhaben, die 40 km/h zu knacken. Es war nicht zu kalt, so daß ich einige Minuten vor dem Start die Armlinge schon mal abnahm. Ich war bereit.

Da ging es auch schon los, dieses Pedalklicken, dieses erst zaghafte Anrucken, Anrollen, Vorsicht Vorsicht, so langsam vorn auf’s große Blatt schalten, Mönckebergstraße zu Ende, nach rechts runter in den Steintorwall, am Startbereich Garmin starten, Fahrt aufnehmen! Los ging’s in kleinen Grüppchen, ich überholte Einzelne und lies mich von Einzelnen überholen, darauf bedacht, nicht in der dicken Masse in den Kopfsteinpflaster-Abschnitt zu geraten. Sicher ist sicher. Der kleine Gruß nach Roubaix war dann letztlich gar nicht so schlimm – hier in Thüringen gibt’s schlimmeres. Dann kam endlich so eine Truppe, auf die ich gehofft hatte. 4 oder 5 Mann, „Hoch-Tief“ stand auf den Trikot und etwas von einer Baubetreuungsgesellschaft, alle etwas jünger als ich, schön hintereinander und in meinem Wunschtempo von ca 43-45 km/h. Und schon hing ich dran, nach kurzer Zeit mit einem Puls knapp unter 160. Für mich okay. So ging es bis zur Köhlbrandbrücke, die ich unten mit nicht allzu hohem Puls angehen wollte. Es hat geklappt, mit großem Blatt drüber, oben 178er Puls, egal, drangeblieben. Meine höhere potentielle Energie hab ich während der Abfahrt optimal in Tempo und Erholung umgesetzt. Weiter ging’s!

Es kamen ca. 10 flache Kilometer, auf denen sich meine Durchschnittsgeschwindigkeit ohne allzu große Anstrengung auf 40,6 km/h erhöhte. So konnte es weitergehen! Mir war auch nicht bange, als es am Ehestorfer Heuweg immer langsamer wurde. Der erste Anstieg brachte mich auf 180, danach ging es so la la, der Schnitt sank auf 39,5 km/h, aber wo es bergauf geht, da muß es auch mal bergab gehen, und so kam es dann auch. Unten links auf meinem Garmin stand als erste Ziffer eine 4.

Es ging dann aber schon immer etwas bergauf und bergab, kleine Wellen eben. Und jedesmal hatte ich Mühe, an „meiner“ Truppe dranzubleiben. Irgendwann in östlicher Fahrtrichtung kam etwas Gegenwind hinzu, aber noch schaffte ich es, notfalls mit knapp 50km/h wieder ranzufahren. Mehrmals. Aber es kostete Kraft. Bei km 50 wieder so ein „nicht eingeplanter“ Anstieg, für alpine Verhältnisse ein Nichts, für meine Verfassung an diesem Punkt etwas zuviel. Etliche Meter verloren und in der darauffolgenden kleinen Abfahrt mußte ich bergab richtig heftig strampeln, um da wieder heranzukommen. Bergab ohne Erholung, oh oh oh!

Aber bei km 60 war ich wieder dran und konnte mitfahren, in dieser Phase freilich ohne einen einzigen Meter Führungsarbeit. Sorry, Jungs, ging nicht … Nächstes Problem: Meine Durchschnittsgeschwindigkeit sank und sank und ich konnte nichts dagegen tun. Es blieb die Hoffnung auf superschnelle letzte 20 Kilometer.

Es gab laufend die Situation, daß wir Gruppen überholten und dabei die ganze Ordnung in unserer Gruppe flöten ging. Das mit Rechtsfahrgebot hatte scheinbar nicht jeder gelesen, und sich zwischendurch mal schnell orientieren war für manchen auch zuviel. Bei km 76 ist es dann passiert, „meine“ Truppe war weg! Als ich einen relativ kleine Anstieg mit viel zuviel Aufwand erklommen hatte sah ich sie ca 100m vor mir. Aber diesmal ging es nicht mit dem schnellen Ranfahren, die waren plötzlich viel zu schnell für meine mittlerweile doch eher bescheidenen Bemühungen. Pech. Und nun mein Fehler: Ich bin denen allein ca 3 Kilometer hinterhergeballert, voll im roten Bereich, ohne auch nur einen Meter ranzukommen. Ich hätte was ganz anderes machen müssen: ruhig bleiben, 1-2 Gelbeutelchen reinziehen, was trinken, verschnaufen, Kräfte sammeln. Hab ich aber nicht. Mein alter Fehler.

Dann kam wie aus dem Nichts eine kleine Gruppe, mindestens einer mit einem roten (?) Pinarello und fetten Hochprofilfelgen (Neidpaket vom feinsten …), in meiner schwachen Erinnerung mit „tbk“ auf dem Trikot, mindestens einer mit einer bewundernswerten Tempohärte, so daß ich zuerst kaum folgen konnte. Aber ich hab mich durchgebissen und an diese Truppe gehängt, nach einiger Zeit auch wieder mit _etwas_ Führungsarbeit. Es ging also wieder vorwärts mit einem guten 40er Schnitt. Da hatte ich jedoch die 40km/h insgesamt schon abgeschrieben, ich war bei unter 38km/h auf dem Boden der Tatsachen angekommen.

Wir erreichen abgesprengte Teile meiner früheren Truppe, ja, wer weiß, vielleicht wäre ich unter anderen Umständen bei diesen gelandet. Das erhoffte Supertempo erreichten wir allerdings überhaupt nicht mehr, jede noch so kleine Welle fuhren wir unter 35 km/h, die 40 wurden so nach und nach zur Seltenheit. Nochmal das Kopfsteinpflaster, nur noch ein paar Kilometer.

Steintorwall hoch, Feldertrennung, da wollte ich vor der großen Zuschauerkulisse nochmal was herausholen. Wenn schon die Zeit nicht stimmt, dann wollte ich wenigstens die Platzierung etwas aufpolieren. So ungefähr am Gänsemarkt war dann aber der Akku so richtig leer, und zu meinem (auf einigen Bildern sichtbarem) Ärger fuhren dann bis zum Ziel noch etliche Fahrer – darunter wohl mindesten 10 aus meiner Altersklasse – an mir vorbei. Meine Motivation zum Kämpfen war weg, ich hatte nur noch „Sch…“ auf den Lippen und rollte einigermaßen lustlos ins Ziel. Mein Garmin zeigte mir 37,5 km/h an.

Nix 40.

Erste Auswertung

Mein anfänglicher Ärger verflog nur langsam. Immer wieder stellte ich mir die Frage: Warum diese Verschlechterung? Letztes Jahr über 38km/h und nun das. Und es kam eine kleine, etwas unerwartete Antwort.

Radrennen sind eine Outdoor – Veranstaltung. Kein Tag ist wie der andere. Letztes Jahr waren die Bedingungen irgendwie für die Durchschnittsgeschwindigkeit aller Beteiligten besser als in diesem Jahr, in welcher Form auch immer. Die Siegerzeit, die Zeiten ausgewählter Teilnehmer 2012 und 2013 sowie die durchschnittlichen Zeiten einiger Platzierungen (100., 200., 1000, diverse Fahrer mehrerer Altersklassen waren dieses Jahr ca 4 Minuten langsamer als 2012. Meine Zeit war ca 2:46 min langsamer. Also: Vergleichbar mit dem Vorjahr.

Und dann habe ich mich ja letztlich von Platz 1492 auf Platz 1262 verbessert. Auch diverse Überkreuz-Vergleiche mit den zwei Altersklassenplatzierungen ergeben eine kleine Verbesserung. Schadensbegrenzung durch Statistik, naja …

Hätte ich die 40 km/h in diesem Rennen erreichen können und wenn ja, wie? Direkt nach dem Start in eine gute Gruppe aus Startblock G und da wie so ein Mannschaftskapitän optimal geschützt und gezogen durch die gesamte Strecke? Ja, vielleicht. Aber nur in der Theorie.

Die 40km/h bleiben das Ziel, nun eben für 2014. Auf geht’s!

Mein Rennen in Zahlen.

Über rennradopa

Ein Opa mit einem Rennrad. Hier wird selbst gedacht und selbst gemacht.
Dieser Beitrag wurde unter Sport abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.